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Die Lampe im Flur, der Ordner im obersten Regal, die verstopfte Dachrinne: Ein paar Meter Höhe sind für die meisten Menschen eine Alltagssache, über die niemand lange nachdenkt. Wer beruflich regelmäßig nach oben muss, kennt dagegen den Unterschied zwischen einem improvisierten Aufstieg und geeigneter Steigtechnik – und weiß, dass diese Wahl über mehr entscheidet als über Bequemlichkeit. Wer Sturzunfälle vermeiden will, sollte deshalb ein verbreitetes Missverständnis kennen. Es sind nämlich nicht die großen Höhen, die den meisten Schaden anrichten.

Wie oft passiert das eigentlich?

Häufiger, als man denkt. Die gesetzliche Unfallversicherung zählt in ihrer Übersicht zum Thema Absturz im Jahresdurchschnitt fast 40.000 solche Unfälle – und zwar nur die am Arbeitsplatz. Bei mehr als 2.680 davon waren die Folgen jedes Jahr so schwer, dass die Betroffenen eine Unfallrente erhielten.

Wenn man genauer hinschaut, wird es interessant. Die schwersten Unfälle passieren auf Dächern. Die meisten Unfälle überhaupt passieren dagegen auf Leitern und Treppen – also dort, wo niemand mit Gefahr rechnet. Allein im Baubereich zählt die zuständige Berufsgenossenschaft rund 7.000 Leiterunfälle pro Jahr, etwa die Hälfte davon Abstürze. Das sind fast zwanzig am Tag.

Für den Privathaushalt gibt es keine so genauen Zahlen. Die Physik ist dort aber dieselbe – und die Ausrüstung meistens schlechter.

Der Satz, den man sich merken sollte

„Das sind ja nur zwei Meter.” Diesen Satz haben die meisten Menschen schon gesagt oder gedacht. Er klingt beruhigend. Nach den Auswertungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zum Thema Absturzgefährdungen ist er aber falsch.

Die Hälfte aller tödlichen Abstürze passierte aus weniger als fünf Metern Höhe. Auch unter zwei Metern kommen tödliche Unfälle vor. Und je geringer die Höhe, desto häufiger ist der Kopf verletzt.

Der Grund ist einfach: Aus geringer Höhe hat man keine Zeit. Wer von einer Leiter kippt, kann sich nicht mehr abfangen, den Kopf nicht mehr wegdrehen, die Arme nicht mehr vornehmen. Es geht zu schnell. Aus größerer Höhe hätte man theoretisch mehr Zeit – nur ändert das am Ausgang nichts mehr.

Praktisch heißt das: Genau in dem Höhenbereich, den alle für harmlos halten, passieren die meisten schweren Verletzungen. Nicht weil er besonders gefährlich wäre, sondern weil dort niemand aufpasst.

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Der unterschätzte Faktor: Müdigkeit

Es gibt eine Ursache, die in fast keinem Unfallbericht steht und trotzdem eine große Rolle spielt. Sie heißt Schlafmangel.

Die Zahl dazu ist deutlich: 13 Prozent der Arbeitsunfälle sind durch Müdigkeit verursacht oder werden von ihr mitverursacht. Das geht aus den Angaben zum Schlafometer für Schichtarbeitende hervor, einem Selbsttest, den die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsschutz entwickelt hat. Jeder achte Unfall also.

Warum das beim Thema Höhe besonders zählt: Müdigkeit trifft zuerst genau die Fähigkeiten, auf die es auf einer Leiter ankommt.

  • Die Reaktion wird langsamer – man fängt sich nicht mehr rechtzeitig.
  • Die Aufmerksamkeit bekommt Lücken. Man ist für Sekunden woanders, ohne es zu merken.
  • Das Gleichgewichtsgefühl leidet. Was ausgeruht ein kleines Wackeln ist, wird müde zum Sturz.
  • Die Risikoeinschätzung verschiebt sich. Man nimmt Abkürzungen, die man ausgeruht nicht nehmen würde – noch schnell den letzten Meter dehnen statt die Leiter umzustellen.

Am Schreibtisch führt das zu einem Tippfehler. Auf der dritten Stufe führt es zu einem Krankenhausbesuch.

Und der Zustand ist nicht die Ausnahme. Eine Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts zur Erschöpfung nach der Arbeit zeigt für 2024: 49 Prozent der berufstätigen Frauen und 38 Prozent der Männer sind sehr häufig oder oft nach der Arbeit zu erschöpft, um noch etwas anderes zu tun. Fast jeder zweite Mensch bewegt sich also durch den Abend mit einer Trittsicherheit, die schlechter ist als am Morgen.

Besser schlafen – was tatsächlich hilft

Wer seine Unfallgefahr senken will, kann bei der Ausrüstung anfangen. Er kann aber auch beim Schlaf anfangen, und das ist billiger.

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Ein paar Dinge sind gut belegt und im Alltag umsetzbar:

Feste Zeiten. Der Körper mag Regelmäßigkeit mehr als Länge. Wer immer zur gleichen Zeit ins Bett geht und aufsteht – auch am Wochenende – schläft nach einigen Wochen messbar besser als jemand, der die Stunden nur zählt.

Das Abendessen. Schwer, fett und spät ist eine schlechte Kombination. Der Körper verdaut, während er eigentlich runterfahren soll. Zwei bis drei Stunden Abstand zwischen der letzten größeren Mahlzeit und dem Schlafengehen sind ein guter Richtwert. Wenn spät noch Hunger kommt, ist eine kleine, leichte Portion besser als nichts – Hunger hält genauso wach wie ein voller Magen.

Alkohol. Er macht schneller müde und lässt schlechter schlafen. Man schläft leichter ein, wacht aber in der zweiten Nachthälfte häufiger auf, weil der Körper mit dem Abbau beschäftigt ist. Genau diese zweite Hälfte ist für die Erholung wichtig.

Koffein. Es wirkt länger, als die meisten glauben. Der Kaffee um 16 Uhr ist um 22 Uhr noch zur Hälfte im Körper. Wer schlecht einschläft, sollte die letzte Tasse testweise auf den frühen Nachmittag legen.

Licht. Morgens hilft es, abends stört es. Zehn Minuten Tageslicht am Morgen stellen die innere Uhr, helles Bildschirmlicht am Abend verschiebt sie. Das Handy im Bett ist deshalb keine Marotte, sondern ein echter Faktor.

Die Temperatur. Kühler ist besser. Um einzuschlafen, muss die Körpertemperatur leicht sinken – in einem überheizten Schlafzimmer fällt das schwer.

Nichts davon wirkt über Nacht. Aber alles davon wirkt, wenn man es zwei Wochen durchhält. Wer regelmäßig schlecht schläft, sich morgens nie erholt fühlt oder tagsüber gegen den Schlaf ankämpft, sollte das ärztlich abklären lassen – dahinter können auch behandelbare Ursachen wie eine Schlafapnoe stecken.

Weitere Gesundheitsfaktoren, die auf der Leiter zählen

Müdigkeit ist der häufigste, aber nicht der einzige Punkt. Vier weitere lohnen einen Gedanken, bevor man hochsteigt:

Kreislauf. Wer sich beim schnellen Aufstehen manchmal kurz schwarz vor Augen sieht, sollte das auf einer Leiter nicht ausprobieren. Niedriger Blutdruck, Hitze und wenig getrunken – diese Kombination ist ein häufiger Grund für Schwindel in der Höhe.

Medikamente. Viele Mittel machen müde oder schwindelig, ohne dass man es mit ihnen in Verbindung bringt: Blutdrucksenker, Antihistaminika gegen Allergien, Beruhigungs- und Schlafmittel, manche Schmerzmittel. Ein Blick in den Beipackzettel unter „Verkehrstüchtigkeit” ist ein guter Hinweis – was fürs Autofahren gilt, gilt für die Leiter genauso.

Sehen. Wer eine neue Brille hat, braucht ein paar Tage, bis die Einschätzung von Entfernungen wieder stimmt. Bei Gleitsichtbrillen ist der untere Teil des Glases für die Nähe geschliffen – nach unten schauen verzerrt also. Auf Treppen und Leitern ist das ein bekanntes Problem. Ein bewusster Blick, ein festerer Griff, und im Zweifel die Einstärkenbrille für den Weg nach oben.

Gleichgewicht. Es lässt mit dem Alter nach, aber es lässt sich trainieren. Auf einem Bein die Zähne putzen, beim Warten an der Kasse kurz die Fersen anheben, gelegentlich eine Strecke barfuß gehen – solche Kleinigkeiten wirken, und man merkt es genau dann, wenn es zählt.

Das richtige Gerät ist der größte Hebel

Bei allem, was Aufmerksamkeit und Verfassung betrifft, bleibt ein Punkt der wirksamste: das, worauf man steht. Die Unfallversicherung formuliert das deutlich – ein Großteil der Abstürze ließe sich vermeiden, wenn die vorhandenen technischen Möglichkeiten konsequent genutzt würden.

Wichtig ist dabei ein Missverständnis auszuräumen. Im Arbeitsschutz gilt der Grundsatz, eine Leiter nur dann zu verwenden, wenn es keine sicherere Lösung gibt. Das heißt aber nicht, auf Steighilfen zu verzichten – die empfohlenen Alternativen sind selbst welche: Arbeitspodeste, Treppenpodeste, kleine fahrbare Bühnen, Plattformleitern. Es geht darum, das Gerät zu nehmen, das für die Aufgabe gedacht ist, statt das, was gerade in der Ecke steht.

Die wichtigste Regel daraus lässt sich in einem Satz sagen. Die Anforderungen an Leitern und Tritte verlangen beim Arbeiten, dass man mit beiden Füßen auf einer Stufe oder Plattform steht. Damit fällt die klassische Sprossenleiter als Arbeitsplatz praktisch weg – auf einer Sprosse kann man nicht sicher mit beiden Füßen stehen und gleichzeitig etwas tun.

Vier weitere Punkte aus dem gleichen Regelwerk, die zu Hause genauso gelten:

  • Als Aufstieg muss die Leiter einen Meter über die Ausstiegsstelle hinausragen – sonst fehlt oben der Halt.
  • Der Untergrund muss fest und rutschsicher sein. Teppichkante, Rasen und nasse Fliesen sind es nicht.
  • Keine Leiter hinter einer Tür aufstellen. Wer sie öffnet, weiß nicht, was dahinter steht.
  • Draußen nicht bei Wind, Eis oder Schneeglätte arbeiten – auch nicht für die zwei Minuten, die es angeblich dauert.

Was im Haushalt ausreicht

Die häufigsten Fehler im Privaten lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Es wird benutzt, was da ist. Der Bürostuhl mit Rollen, die Fensterbank, die Waschmaschine, die alte Sprossenleiter mit dem lockeren Band. Wer nur zweimal im Jahr nach oben muss, sieht keinen Grund für eine Anschaffung – und genau diese Seltenheit ist das Problem, weil die Übung fehlt.

Für die meisten Haushalte genügt eine Sache: eine kompakte Stufenstehleiter mit Plattform und Haltebügel. Sie steht stabil, lässt beide Hände frei und deckt fast alles ab, was in der Wohnung anfällt. Wer regelmäßig höher muss, ist mit einem kleinen Podest oder einer Trittleiter mit großer Standfläche besser bedient als mit einer längeren Anlegeleiter.

Wichtig noch: einmal im Jahr anschauen. Sind die Gummifüße noch da? Wackelt etwas? Ist das Spreizsicherungsband intakt? Beschädigte Leitern gehören nicht in die Garage, sondern zum Wertstoffhof.

Fünf Fragen vor dem Aufstieg

Kurz genug, um sie sich wirklich zu stellen:

  • Geht es auch vom Boden aus? Ein Teleskopstiel kostet weniger als eine Woche Krankschreibung.
  • Ist es das richtige Gerät? Stufen statt Sprossen, Plattform statt Kante. Ein Stuhl ist kein Aufstieg.
  • Steht es sicher? Fester Boden, keine Tür dahinter, nichts, was wegrutschen kann.
  • Bin ich heute in Form? Kurze Nacht, neues Medikament, Kreislauf flau, neue Brille – alles Gründe, es zu verschieben.
  • Weiß jemand, dass ich oben bin? Wer allein im Haus arbeitet, sollte kurz Bescheid geben. Das ist der wichtigste Punkt von allen.

Fazit

Sturzunfälle vermeiden heißt nicht, Höhe zu meiden. Es heißt, drei Dinge ernst zu nehmen, die im Alltag untergehen: dass die gefährlichen Höhen die kleinen sind, dass ein müder Körper schlechter steht als ein ausgeruhter, und dass das passende Gerät mehr bringt als jede Vorsicht auf dem falschen.

Zwei Schritte kosten zusammen zehn Minuten. Schauen Sie nach, was Sie benutzen, wenn Sie nach oben müssen – ist es ein Stuhl oder eine wackelige Leiter, ist die nächste Anschaffung geklärt. Und legen Sie Arbeiten in der Höhe auf den Morgen, nicht auf den Abend nach einem langen Tag. Beides ist unspektakulär. Beides wirkt.

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